Karin Böllert
Transformation der Kinder- und Jugendhilfe - (Vorläufiges) Ende einer Erfolgsgeschichte?
Für die Kinder- und Jugendhilfe konnte über viele Jahre die Selbstverständlichkeit eines stetigen Auf- und Ausbaus der sozialpädagogischen Infrastruktur des Aufwachsens junger Menschen angenommen werden; gleichermaßen ist sie disziplinär als eigenes Forschungsfeld etabliert und wichtiger Kristallisationspunkt fachwissenschaftlicher Diskurse. Aktuelle gesellschaftliche Transformationsprozesse lassen allerdings Zweifel an der Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte aufkommen: politisch wird sie als Kostentreiber überforderter kommunaler Haushalte diskreditiert, die Praxis ist durch zunehmende Verunsicherungen bei gleichzeitig wachsenden Ansprüchen an ihre Leistungspotentiale gekennzeichnet und disziplinär stellt sich die Frage, ob - und wenn ja wie - sie ihrem eigenen Anspruch eines wirksamen Beitrags zum Abbau sozialer Ungleichheiten gerecht wird bzw. gerecht werden kann. Die Bearbeitung dieser komplexen Gemengelage im Spannungsfeld von Politik, Praxis und Wissenschaft kann gelingen, wenn die Koexistenz von Politik, Praxis und Wissenschaft zugunsten einer politischen Disziplin im Sinne einer wirkmächtigen Praxis aufgegeben wird.
Gunther Graßhof
Ganztagsbetreuung in der Transformation: Katalysator der Sozialpädagogisierung von Schule?
Die Transformation im Zuge des Ausbaus der Ganztagsbetreuung und ihrer rechtlichen Normierung wird mit Blick auf Kindheit insbesondere unter dem Stichwort der „betreuten Kindheit“ diskutiert. Mit der zunehmenden Ausweitung institutioneller Betreuungs-, Bildungs- und Unterstützungsangebote verändern sich dabei nicht nur die zeitlichen und räumlichen Bedingungen des Aufwachsens von Kindern, sondern auch die institutionellen Zuständigkeiten und professionellen Konstellationen, in denen Kindheit gestaltet und bearbeitet wird. Insbesondere durch den Ausbau von Betreuungsinfrastrukturen für Kinder im Grundschulalter rückt Soziale Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen zunehmend näher an Schule heran. Dies betrifft sowohl die unmittelbare Zusammenarbeit im schulischen Alltag als auch Fragen der Organisation, der Konzeptentwicklung und der kommunalen Steuerung.
Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Schule anhand unterschiedlicher empirischer Untersuchungen reflektiert. Im Zentrum steht die Frage, ob und in welcher Weise mit dem Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsstrukturen eine diskursive, institutionelle und professionelle Verschiebung zwischen den beiden Feldern zu beobachten ist. Untersucht wird dabei insbesondere, wie sich Zuständigkeiten, professionelle Selbstverständnisse und Deutungen von Bildung, Betreuung und Erziehung verändern und welche neuen Formen der Kooperation und Abgrenzung entstehen
Yari Or
Zukunftsfähigkeit unter Bedingungen radikaler Ungewissheit - Umwelt und Sozialpädagogik im Zeichen fortgesetzter Krise und Transformation
Bildung und Soziale Arbeit stehen unter Bedingungen radikaler Ungewissheit: Ökologische Krisen, soziale Ungleichheiten und sich überlagernde Transformationsprozesse verdichten sich, ohne auf einen stabilen Endzustand hinzuführen. Der Vortrag nimmt diese Konstellation zum Anlass, nach Zukunftsfähigkeit als pädagogischer Frage zu fragen: Was heißt es, junge Menschen in unsicheren Zukünften zu begleiten, ohne ihnen die Bewältigung gesellschaftlicher Krisen aufzubürden? Welche Grenzen und Möglichkeiten ergeben sich für eine Profession, die zugleich zu gesellschaftlicher Transformation aufgefordert wird, aber deren Ursachen nicht allein bearbeiten kann?
Ausgehend vom 17. Kinder- und Jugendbericht prüft der Vortrag die Tragfähigkeit seiner Leitmotive Zuversicht und Vertrauen an aktuellen Befunden zu ökologischer Krise und Transformation. Diese verweisen weder auf eine Rückkehr zu stabiler Normalität noch auf einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenbruch, sondern auf einen Dauerzustand verdichteter, ungleich verteilter Instabilität, in dem sich Systeme immer wieder neu organisieren. Der Vortrag entwickelt daraus ein Verständnis von Zukunftsfähigkeit für die sozialpädagogische Praxis: nicht als individualisierte Verantwortung oder steuerbaren Transformationsprozess, sondern als Fähigkeit zu wiederholter Reorganisation. Er skizziert hierfür beispielhaft Zugänge, die Formen des Wahrnehmens und Handelns unter fortgesetzter Ungewissheit immer wieder neu bestimmen.
Seyran Bostanci
Zwischen Inklusionsanspruch und institutioneller Ungleichheit: Frühe Bildung in der postmigrantischen Gesellschaft
Die postmigrantische Gesellschaft stellt Institutionen der frühen Bildung vor die Herausforderung, sich an eine längst pluralisierte soziale Realität anzupassen. Doch wie gelingt institutionelle Transformation? Der Beitrag geht dieser Frage anhand empirischer Befunde zu institutionellen Lernprozessen in Kindertageseinrichtungen nach. Inklusion wird dabei als diversitätsbewusste Organisationsentwicklung verstanden, die nicht allein auf das professionelle Handeln einzelner Fachkräfte zielt, sondern institutionelle Routinen, Normalitätsvorstellungen und Strukturen in den Blick nimmt. Im Zentrum stehen Bedingungen, unter denen Veränderungsprozesse angestoßen, umgesetzt und verstetigt werden können, ebenso wie Blockaden und Barrieren institutionellen Lernens. Diskriminierung und Rassismus werden dabei als eine Dimension institutioneller Ungleichheit betrachtet. Der Beitrag fragt schließlich, was die empirischen Befunde für die Transformationsfähigkeit frühpädagogischer Institutionen in einer pluralen Gesellschaft bedeuten.
Johanna Mierendorff
Kindheit im Wandel
Kindheit scheint in westlichen Wohlfahrtsstaaten nicht grundsätzlich in Frage zu stehen (Drerup/Schweiger 2024). Dennoch sehen wir, spätestens seit den 1980er Jahren, kritische Auseinandersetzungen mit dem Muster moderner Kindheit, was die Kindheitsforscher und Juristen Hengst, Köhler, Riedmüller & Wambach bereits 1981 angesichts der Feststellung eines Rückzuges des Marktes aus dem Bildungsprojekt der Moderne zu der Frage „Kindheit als Fiktion?“ geführt hat. Aus adultismuskritischer Perspektive kritisiert Liebel die westliche Form von Kindheit, d. h. die zielgerichtete Beschränkung bürgerlicher Rechte von Minderjährigen, um das Bildungsmoratorium zu realisieren. Mit dem Konzept der Zeitgenossenschaft zeigt Heinz Hengst die konstitutive Brüchigkeit des Konzeptes Kindheit – Kinder seien wie Erwachsene in die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Krisen, Entwicklungen und politischen Herausforderungen eingewoben. Die Kindheitsforscherin Linde setzt sich mit solchen Infragestellungen theoretisch auseinander und arbeitet heraus, dass Kindheit nicht lediglich eine gesellschaftlich hervorgebrachte und regulierte Lebensphase darstellt, sondern als strukturell nachgeordnete Position konstitutiv in die generationale und epistemische Ordnung moderner v. a. westlicher Gesellschaften eingelassen ist. Schaut man in aktuelle politische Diskussionen, wird bspw. an der Infragestellung der Schulpflicht, eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die Kindheit in Deutschland zutiefst prägt, deutlich, wie stark Kindheit und die Gestaltung der Bedingungen des Aufwachsens von politischen Ideen und zeitgenössischen Vorstellungen einer guten Kindheit geprägt sind. Unter Berücksichtigung dieses Spannungsverhältnisses von Kontinuität und Wandel wird aus einer wohlfahrtsstaatstheoretischen Perspektive zum einen die Frage nach den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen von Kindheit und zum anderen vor dem Hintergrund eines aktuell beobachtbaren gesellschaftlichen Wandels und globaler Krisen die Frage nach dem Wandel von Kindheit gestellt. Welche Fragen ergeben sich daraus für die pädagogische Praxis in den unterschiedlichsten Handlungsfeldern?
Peter Cloos
Verwobene Transformationen. Pädagogik der frühen Kindheit als reflexive Disziplin, Profession und Praxis
Gesellschaftliche Transformationsprozesse und globale Krisen fordern die Pädagogik der frühen Kindheit als Disziplin, Profession und Praxis heraus, sich reflexiv immer wieder neu des eigenen Standpunktes zu vergewissern, zumal sie in vielfältiger Weise in Transformationsprozesse eingebunden ist: Sie soll Antworten auf vielfältige an sie gerichtete, häufig widersprüchliche Transformationserwartungen geben, soll Kinder und ihre Familien dabei begleiten und gerät hierüber selbst in Veränderung. Forschende und Praktiker*innen der Pädagogik der frühen Kindheit sind aber selbst von diesen Veränderungen betroffen: Auch sie betreffen globale Krise, soziale Ungleichheit und die Neuformatierung von Biografien, Lebens- und Arbeitsverhältnissen. Zugleich versteht sich die Pädagogik der frühen Kindheit als Disziplin, Profession und Praxis in advokatorisch-politischem Sinne als Akteur*in von Wandel: Klimagerechtigkeit, Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe in einer diversen Gesellschaft zu ermöglichen sind dabei nicht nur grundlegende Werte, die der pädagogischen Praxis und der Forschung zugrunde zu legen sind. Sie sind zugleich Transformationsansinnen an eine gerechte Gesellschaft und Gegenstand einer sich als politisch verstehenden Disziplin, Profession und Praxis. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Auseinandersetzungen wird dies jedoch zunehmend in Frage gestellt, wird die Pädagogik der frühen Kindheit zu einem zentralen Schauplatz gesellschaftlicher Neuorientierungen, Verhandlungen und Kämpfe. Der Beitrag reflektiert kritisch, welche Möglichkeiten und Grenzen sich für Disziplin, Profession und Praxis im Umgang mit Transformationsprozessen ergeben und plädiert für ein reflexives Forschungsverständnis im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen, politischer Steuerung und pädagogischer Professionalität. An aktuellen Forschungsprojekten u.a. zur fachschulischen Qualifizierung, zur Partizipation an Ganztagsgrundschulen und zu diversitätsreflexiven Professionalisierung wird die beschriebene Verwobenheit empirisch beleuchtet.





