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Dissertationsprojekt

Armut, soziale Ausgrenzung und die Neugestaltung des Sozialen Die Lebensmittelausgaben ‚Die Tafeln‘ in Deutschland

Dr. Holger Schoneville

Ausgehend von der These einer Transformation des Wohlfahrtsstaats, geht die vorgelegte Dissertation der Frage nach, welche Bedeutung das gewandelte wohlfahrtstaatliche Arrangement für das Leben in Armut hat. Während die Transformationsdiagnose bislang vor allem auf der Ebene von Programmanalysen getroffen wurde, fragt die Arbeit nach der Bedeutung auf der Ebene der Subjekte. Die Dissertation stellt in diesem Sinne eine empirische Analyse der subjektiven Bedeutung von Armut und sozialer Ausgrenzung innerhalb eines gewandelten sozialstaatlichen Arrangements dar.

Im Rahmen des qualitativ-rekonstruktiven Forschungsdesigns wurden hierzu biographisch-narrative Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern der Lebensmittelausgaben ‚Die Tafel‘ geführt und analysiert. Die biografischen Interviews wurden dabei als narrative Identitätskonstruktionen verstanden. In ihnen stellen die Erzählerinnen und Erzähler nicht nur ihre Geschichte dar, sondern sie nehmen eine narrative Konstruktion der Welt, von Anderen und insbesondere von sich selbst vor.

Im Zentrum der Ergebnisse der vorgelegten Dissertation steht die Feststellung, dass von Armut betroffene Menschen ständig damit konfrontiert sind, dass sie von ihren eigenen Idealen, Wünschen und Überzeugungen abweichen und diese nicht realisieren können. Die Subjekte adressieren sich dabei – ganz im Sinne der Aktivierungslogik des neuen Sozialstaats – selbst als individuell verantwortlich für ihr eigenes Schicksal. Sie haben die Logik der Selbstverantwortlichkeit vollständig internalisiert. Die Abweichung von gesellschaftlichen Normen und Normalitäten erleben sie damit als persönliches Versagen. Die negative Abweichung von den eigenen Erwartungen stellen stetige Angriffe auf die Subjektivität dar.

Die Ergebnisse der Dissertation zeigen auf, dass die Entstehung und Etablierung von Hilfsangeboten der ‚Tafel‘ auf die Existenz von Armut innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft verweist und gleichzeitig ein Symbol der Transformation des Sozialstaats darstellt. Die Angebote der Lebensmittelausgaben stellen dabei aus der Perspektive der betroffenen Personen durchaus Hilfen dar. Diese ermöglichen ihnen mit geringen materiellen Ressourcen zu haushalten, sie befähigen jedoch nicht dazu, die jeweilige Situation zu überwinden. Die ‚Tafeln‘ stehen damit symbolisch auch für den Abschied von einer Politik der Armutsbekämpfung und stärkeren Betonung der individueller Verantwortung.

Prüfer*innen:

Abschluss der Promotion:

  • 11/2016

Veröffentlichungen im Kontext des Projekts:

  • Schoneville, Holger (2020). Poverty as an attack on subjectivity: the case of shame. A social work perspective. In E. Frost, V. Magyar-Haas, H. Schoneville & A. Sicora (Hrsg.), Shame and social work: Theory, reflexivity and practice. Bristol: Policy Press.
  • Schoneville, Holger (2019): Familien in Armut. Erziehung im Widerspruch von Armut. In: Die Grundschulzeitschrift 314, S. 28-31.
  • Schoneville, Holger (2018): Poverty and the transformation of the welfare (state) arrangement. Food banks and the charity economy. In: Social Work & Society. International Online Journal, 16(2), S. 1-9.
  • Lorenz, Friederike/Neckel, Sighard/Magyar-Haas, Veronika/Schoneville, Holger (2018). Scham und Beschämung in Hilfekontexten: Zur Beschämung der Bedürftigkeit. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.), Wa(h)re Gefühle. Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext (S. 216-232). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Schoneville, Holger (2017). Armut als soziale Wirklichkeit – Angriffe auf die Subjektivität. Zur Bedeutung von Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung für das Subjekt. In: Kreher, Simone/Welti, Felix (Hrsg.), Soziale Rechte und gesellschaftliche Wirklichkeiten (S. 86-105). Kassel: kassel university press.
  • Schoneville, Holger (2017). Armut und Schamgefühle. Emotionaler Ausdruck gesellschaftlicher Teilhabe unter den Bedingungen von Ausgrenzung. Sozialmagazin. Die Zeitschrift für Soziale Arbeit (8), 31-39. [LINK]
  • Schoneville, Holger (2016): Armut, Ausgrenzung und die Neugestaltung des Sozialen. Der Fall der Lebensmittelausgaben ‚Die Tafeln‘ in Deutschland. Dissertationsschrift, Universität Kassel.
  • Schoneville, Holger (2013). Armut und Ausgrenzung als Beschämung und Missachtung. Soziale Passagen. Journal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit, 1(5): S. 17-35.
  • Kessl, Fabian/Schoneville, Holger (2013). Tafeln & Co. – Soziale Arbeit in der Mitleidsökonomie. Sozial Extra. Zeitschrift für Soziale Arbeit und Sozialpolitik (5/6), 13-14.
  • Schoneville, Holger (2013): Lebensmittelausgaben zwischen Hilfe und Beschämung der NutzerInnen. Die Bedeutung der „Tafeln“ für die NutzerInnen. Sozial Extra. Zeitschrift für Soziale Arbeit und Sozialpolitik (5/6), 28-30.
  • Kessl, Fabian/Schoneville, Holger (2010): Soziale Arbeit und die Tafeln – von der Transformation der wohlfahrtsstaatlichen Armutsbekämpfung. In: Lorenz, Stephan (Hrsg.): TafelGesellschaft. Zum neuen Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung (S. 35-48). Bielefeld: Transcript.
  • Schoneville, Holger (2009). Die Lebensmittelausgaben „Die Tafeln“ in Deutschland. Armut, soziale Ausgrenzung und die Neugestaltung des Sozialen – Skizze eines Forschungsprojekts. Soziale Passagen. Journal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit, 1(2), S. 275-278.

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